Wer darf am Montag ins Rathaus fahren?

Patrick Haas oder Andreas Dovern? Am Sonntag fällt die endgültige Entscheidung, wer neuer Bürgermeister wird.

Stolberg Den grauen VW-Transporter auf, dem sein großes Porträtbild klebt, wird Andreas Dovern am Montag abgeben müssen – egal wie das Wahlergebnis ausfällt. Seit der Feuerwehrchef am 29. November der offizielle CDU-Kandidat für die Nachfolge von Tim Grüttemeier als Bürgermeister der Stadt Stolberg geworden ist, kurvt er mit dem geliehenen Werbemobil in eigener Sache durch die Stadt. Doch nun, über 400 Termine später, endet ein langer Wahlkampf und mündet am Sonntagabend in ein endgültiges Ergebnis.

„Wir treffen uns Sonntag mit Freunden und werden was essen.“ Der Rest sei bis abends Zeit totschlagen und die Hoffnung, dass man mit seinen Ideen und seiner Persönlichkeit überzeugen konnte. „Da fühlt man sich wie ein Kind vor Heiligabend“, sagt Dovern. Verantwortung für Stolberg trägt er als Feuerwehrchef ja heute schon. Nun muss er abwarten, ob er noch mehr Verantwortung geschenkt bekommt.

Mehr als ein Hobby

Sein Konkurrent Patrick Haas löst das lästige Problem des Wartens am Sonntag, indem er sich für die 2. Judo-Mannschaft von Hertha Wahlheim auf die Matte stellt. Das passt ganz gut, denn Sport war nach eigener Aussage für den Bürgermeisterkandidaten der SPD immer schon mehr als nur ein Hobby. „Sport hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin“, so Haas. Insofern dürfte es wenig zufällig sein, dass Haas dieses gleichzeitig zupackende aber auch nahbare Image, eines ambitionierten Judokas, auf den Wahlkämpfer Patrick Haas übertragen hat. Am Sonntag entscheiden die Stolberger, wem sie nach fast sechs Monaten Wahlkampf zutrauen, die Stadt zu führen. Patrick Haas oder Andreas Dovern.

Rückblick: Vor knapp drei Wochen siegte SPD-Kandidat Haas im ersten Wahlgang vor Dovern und Bernd Engelhardt von der FDP. Die Rangfolge mochte noch für die wenigsten Beobachter eine Überraschung gewesen sein. Die Deutlichkeit des Haas-Sieges war es dann doch. Am Ende fehlten nur rund 150 Stimmen zur absoluten Mehrheit, die Haas sofort ins Bürgermeisterbüro gebracht hätten. Knapp acht Prozent lagen zwischen ihm und Dovern. Ein Grund dafür war, dass der SPD-Mann in zuletzt CDU dominierten Wahlbezirken wie Breinig und Vicht punkten konnte. Der Bürgermeister nach Grüttemeier zu sein, ist wohl mehr ein Problem für Dovern als für Haas. „Der erste Wahlgang hat das Team und mich beflügelt“, sagt Haas. Er fühle sich darin bestärkt, die richtigen Themen auf die richtige Art angesprochen zu haben. Zuversichtlich blicke er auf Sonntag

Dovern glaubt, dass der Popularitätsvorteil beider Gegenkandidaten im ersten Wahlgang für ihn unvorteilhaft war. „Sowohl Patrick Haas als auch Bernd Engelhardt sind politisch gesetzte Größen in der Stadt“, sagt er. Insofern habe der erste Wahlgang für ihn unter schwierigen Bedingungen stattgefunden. Seine Kampagne sei aber auch immer auf eine Stichwahl ausgelegt gewesen. Gründe für inhaltliche Veränderungen sehe er nach dem ersten Wahlgang nicht. „Allerdings haben wir die vergangenen drei Wochen noch einmal intensiv genutzt, um von Haustür zu Haustür zu gehen“, sagt Dovern. So soll die Popularitätslücke geschlossen werden. „Für Sonntag werden die Karten neu gemischt“, sagt Dovern.

Was geht und was nicht geht

Wenn man in diesen Tagen mit Patrick Haas spricht, fällt häufig der Satz, „dass man sich schon an dem messen lassen muss, was man gesagt hat“. In einer Stadt wie Stolberg, hoch verschuldet und am Tropf der Fördertöpfe, bedeute das auch, „den Menschen zu erklären, was nicht geht“, sagt er. Dementsprechend habe er Prioritäten gesetzt.

Anders als sein Konkurrent Dovern hat er seine politische Agenda stark auf junge Menschen ausgerichtet. Umweltschutz und ein Mobilitätskonzept, das innovativen öffentlichen Nahverkehr und Fahrradfahrer besonders berücksichtigt. Ihm als Lehrer sei klar, was die Zahlen der Agentur für Arbeit monatlich ausdrücken: Kein vernünftiger Schulabschluss bedeute keine Chance auf ein gesellschaftlich akzeptiertes Leben.

Dementsprechend will er die Fördermillionen, die nun für Oberstolberg, Unterstolberg und Liester fließen, vor allem in Bildung investieren. Eine Vernachlässigung älterer Stolberger sieht er dadurch nicht. „Wir sollten uns auf die konzentrieren, die Stolberg in Zukunft prägen. Wenn das gut funktioniert, haben alle etwas davon.“

Innovatives Gewerbegebiet

Andreas Dovern will sich in der Generationsfrage nicht so festlegen. Ihm sei die Balance bei Investitionen wichtig. Oberste Priorität habe für ihn ein innovativer Gewerbepark Buschmühle. „Wir müssen mal von dem hohen Ross runter kommen, dass wir ein Konkurrent der Stadt Aachen sind.“ Stattdessen müsse Stolberg sich die Stärken der Aachener aber auch Jülicher Wissenschaftszentren zunutze machen. „In dem wir ein attraktives Gewerbegebiet für Startups mit Potenzial für Wachstum bieten.“

Das helfe nicht nur dem Gewerbestandort Stolberg. „So gelingt es uns auch, junge Familien in die Stadt zu holen. Parallel dazu müsse man genau ausloten, welche zukunftsfähigen kulturellen Angebote man den Stolbergern bieten könne. „Ein Beispiel: Es gibt in Aachen, Alsdorf und Eschweiler Kinos.“ Dementsprechend wenig sinnvoll sei es, auch in Stolberg ein Kino etablieren zu wollen. „Wir müssen Nischen finden, die nur wir besetzen.“

Der intensive Wahlkampf der vergangenen Wochen hat beide geprägt. Beide sagen, dass sie ein viel besseres Gefühl für die Stadt bekommen haben. Und beide schwärmen vom Rückhalt ihrer Familien, Freunde und in der jeweiligen Partei. „Es ist ein bemerkenswertes Gefühl, wenn man samstagmorgens um neun zu einem Wahlkampfstand kommt und da Leute sind, die man nur vom Sehen kennt, die aber hart dafür arbeiten, dass ich Bürgermeister werden kann“, sagt Dovern. „Der Sieg im ersten Wahlgang hat noch einmal Kräfte freigelegt. Das macht Spaß, das zu sehen“, berichtet Haas aus einer Partei, die zuletzt nicht vom Erfolg verwöhnt war.

Gegenseitiger Respekt

Füreinander haben beide nur respektvolle Worte. „Andreas Dovern hat nie Wahlkampf gegen mich, sondern für seine Ideen gemacht. Dafür bekommt er meine größte Anerkennung“, sagt Haas. Dovern nennt Haas einen Mann, dem weniger das Prestige des Bürgermeisteramts als vor allem das Wohl der Stadt Stolberg am Herzen liege.

Beide wollen im Fall eines Wahlsiegs am Montagmorgen sofort ins Rathaus, um mit der Arbeit zu beginnen. Am Sonntagabend wird man wissen, wer sich wirklich auf den Weg machen darf.

 

Von René Benden

Quelle:AZ 14.06.019