Jubel und Konfetti für Patrick Haas

Der 37-jährige Sozialdemokrat setzt sich gegen seinen Konkurrenten Andreas Dovern (CDU) in der Stichwahl durch

Foto: J.Lange

Stolberg „Swinging Stolberg“: Um 19.07 Uhr betritt Partick Haas den Ratssaal. Er braucht nicht wie nach dem ersten Wahlgang das letzte Ergebnis aus einem Briefwahlbezirk abzuwarten. Schon längst ist gewiss, dass der Sozialdemokrat der Nachfolger des Christdemokraten Tim Grüttemeier als Bürgermeister ist. Erneut haben die Stolberger bewiesen, dass sie ein besonderes Augenmerk auf die Personen legen. So wie sie Hans-Josef Siebertz (CDU) durch Ferdi Gatzweiler (SPD), und den wiederum durch Tim Grüttemeier (CDU) ersetzt hatten, setzen sie nun wieder ihre Hoffnungen auf den sozialdemokratischen Kandidaten.

Bemerkenswerte Wahlbeteiligung

Es ist ein deutliches Votum. Patrick Haas baut seinen Vorsprung aus dem ersten Wahlgang von 1986 Stimmen und 7,93 Prozentpunkten aus auf 3317 Stimmen und 17,14 Prozentpunkte. In absoluten Zahlen heißt dies: 8019 Stimmen (41,43 Prozent) entfallen auf den Christdemokraten Andreas Dovern, 11.336 Stimmen (58,57 Prozent) auf Patrick Haas. Und das bei einer für Stichwahlen bemerkenswerten Wahlbeteiligung von 19.434 Wählern, was 43,95 Prozent entspricht.

Sobald der Wahlausschuss am Dienstagabend das endgültige amtliche Endergebnis festgestellt und der 37-Jährige die Ernennungsurkunde unterzeichnet hat, ist der Lehrer auch ganz offiziell Stolbergs neuer Bürgermeister für die nächsten sechs Jahre.

Fast durchgängig von den ersten Ergebnissen aus den Stimmbezirken Atsch II und Donnerberg an, liegt Patrick Haas annähernd mit einer Zweidrittel-Mehrheit vor Feuerwehrchef Dovern. Wie vor drei Wochen holt er fünf Stimmbezirke: Seinen Heimatort Gressenich und Schevenhütte, Zweifall und Venwegen. Dorff geht an Haas verloren, aber Atsch I wählt diesmal Dovern. Haas verteidigt indes nicht nur seine vor drei Wochen in eigentlich typisch schwarzen Wahlkreisen gewonnene Mehrheit, sondern baut sie weiter aus. Die FDP-Stimmen von Bernd Engelhardt sind offensichtlich nicht im bürgerlich-konservativem Lager gelandet.

Nach der Erfahrung vom 25. Mai, an dem Haas rund 150 Kreuzchen für das Überschreiten der 50-Prozent-Hürde fehlten, ist er diesmal zurückhaltend. Die letzten eintreffenden Ergebnisse drückten den SPD-Kandidaten im ersten Wahlgang plötzlich wieder unter die Schwelle zur absoluten Mehrheit, weshalb sich Haas am Sonntag Zeit lässt. Sicher ist sicher.

Längst haben sich dichte Trauben von Anhängern vor allem im linken Flügel des Ratssaals gebildet, beide Tribünen sind dicht besetzt. Zunehmend unruhig warten die Anhänger auf das Erscheinen ihres Favoriten. Als 35 von 36 Schnellmeldungen vorliegen, zieht Patrick Haas endlich unter Jubelrufen und rhythmischem Klatschen seiner Anhänger ein – fast schon wie im vergangenen Jahr als Prinz Karneval. Konfetti-Kanonen werden gezündet, sobald er im Parlamentssaal gesichtet ist.

Nur langsam kommt er voran, schüttelt Hände, drückt Ehefrau, Freunde, Verwandte und Weggefährten. Immer an seiner Seite ist Martin Peters, sein Freund, Trauzeuge und politischer Ziehvater. Er hat den Wahlkampf gemanagt.

Große Gratulantenschar

Gekommen sind aber auch alle Würdenträger der Sozialdemokratie aus der Region, wie Daniela Jansen und Karl Schultheis aus Aachen, Claudia Moll und Stefan Kämmerling aus Eschweiler und Eva-Maria-Küppers aus dem Nordkreis. Dicht umringt von einer großen Gratulantenschar, fällt es den unterlegenen Christdemokraten nur schwer, sich durchzukämpfen.

Als erster gratuliert der Gegenkandidat. Andreas Dovern und Patrick Haas umarmen sich herzlich, danken gegenseitig für den intensiven und stets fairen Wettkampf, wünschen Glück. Es folgen ein sichtlich blasser CDU-Chef Jochen Emonds und ehemalige Bürgermeister Tim Grüttemeier. Dann ist der neue Bürgermeister schon wieder von der Traube seiner Anhänger in Beschlag genommen, als Wahlleiter Robert Voigtsberger um 19.15 Uhr das vorläufige amtliche Endergebnis verkünden kann.

Davor überreicht Prinz Ecki I. (Braun) den Stadtschlüssel. Die stellvertretende Bürgermeisterin Karina Wahlen hatte ihm den an Fettdonnerstag übergeben mit der Auflage, bis zur Wahl eines neuen Bürgermeisters zu regieren. Eckhard Braun hat seine Pflicht erfüllt, was Prinzengarde-Kommandant Daniel Heinrichs mit einer Flasche Els unterstreicht.

Dann zieht es Partrick Haas auf die Kaiserplatz-Bühne, um sich für seine Wahl bei den Stolbergern zu bedanken. Sie feiern ihren neuen Bürgermeister frenetisch, und die Band „Jamaram“ gibt die eingeforderte Zugabe. Auf der Bühne liegen sich Patrick und seine Ehefrau Anna glücklich in den Armen. Die Siegesfeier der SPD geht über die letzten Klängen von „Stolberg goes Cuba“ noch lange weiter.

Und was sagt Stolbergs Politik zu dem Ausgang der Stichwahl? CDU-Chef Jochen Emonds wünscht Haas für seine neue Aufgabe alles Gute, betont allerdings auch, wie „unfassbar stolz“ er auf Kandidat Andreas Dovern und das gesamte Wahlkampf-Team der CDU sei. „Leider hat es im Rahmen der Wahl nicht gereicht, obwohl wir Stolberg in den vergangenen Jahren gut vorangebracht haben“, sagt er.

Dovern, selbst erst seit einem halben Jahr auf der politischen Bühne, dankt seinen Wählern und Unterstützern. „Wir haben hart gekämpft, aber es hat nicht gereicht.“ Dina Graetz, Fraktionsvorsitzende der Grünen, zeigt sich indes „überrascht“ von der Eindeutigkeit des Wahlergebnisses. Aber: „Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit dem neuen Bürgermeister und hoffen, dass wir in Zukunft auch viele grüne Themen durchbringen können.“

Neue Herausforderung

Freude über den Ausgang der Wahl herrscht bei den Linken. Damit hätten die Stolberger ein Signal gesetzt. Nun sei man allerdings gespannt darauf, wie ein SPD-Bürgermeister künftig die Mehrheit in der Politik hinter sich bringen wolle, sagt Gabi Halili. FDP-Chef Bernd-Engelhardt, der ebenfalls als Kandidat antrat, allerdings nach der ersten Runde ausschied, sagt: „Der Bürger hat entschieden. Ich wünsche Patrick Haas viel Glück. Hoffentlich läuft auch alles so, wie es sein soll.“

Die Stolberger Sozialdemokraten stehen jetzt vor einer neuen Herausforderung. Da Patrick Haas nun das Amt des Bürgermeisters bekleidet, muss er seinen Fraktions- und Parteivorsitz aufgeben.

Haas-Hype ausgebrochen

Die Karten für den Sonntag waren nicht neu gemischt. Patrick Haas hat seinen Vorsprung auf Andreas Dovern weiter ausbauen können. Der Lehrer und Sportler hat nicht nur im Wahlkampf alles richtig gemacht, sondern zehn Jahre auf sein Ziel hintrainiert und sich als Karnevalsprinz auch in vermeintlich konservativen Kreisen etabliert. Mit Charme und unkonventionellem Auftreten hat Haas stark bei Frauen und Jugendlichen gepunktet. Wer den Kandidaten während der letzten drei Wochen beobachten konnte, erlebte in seinem Umfeld einen regelrechten Haas-Hype, wie er zuvor nur von Tim Grüttemeier ausgelöst worden war. Aber den Grüttemeier-Effekt haben die Christdemokraten schneller verloren, als ihnen lieb war. Hatten die Stolberger seine Arbeit noch bei der Städteregionsratswahl goutiert, ohrfeigten sie nun die CDU, die den beliebten Bürgermeister abberufen hat.

So sehr er sich auch bemüht hat, blieb Andreas Dovern in weiten Kreisen der Bevölkerung unbekannt. Der routinierte Feuerwehrchef ist ein Verwaltungsmann, dem die Partei erst vor sieben Monaten politische Ambitionen ans Herz gelegt hat. In 29 Wochen konnte er sich einfach nicht bei so vielen Stolbergern persönlich bekanntmachen wie Haas in 520.

Der 37-Jährige hat die Stolberger bewegt, ihn fast mit Zweidrittel-Mehrheit zum Bürgermeister zu wählen. Nun muss er beweisen, wie er Stolberg bewegt.

Von Jürgen Lange

und Sonja Essers

Quelle: AZ 17.06.2019